Demografischer Wandel
Demografischer Wandel – Mehr als eine Altersfrage
Schaut man sich die Bevölkerungsentwicklung der Vergangenheit und deren Fortschreibung in die Zukunft an, so zeigt sich mit aller Vehemenz, dass die Menschen in Deutschland immer älter werden und die Zahl der Kinder kontinuierlich abnimmt: Bis zum Jahr 2030 wird sich die Bevölkerungszahl von heute 81,6 Mio. auf 74,7 Mio. Menschen verringert haben (Variante 1 der Bevölkerungsvorausrechnung des Statistischen Bundesamtes), wenn man von einer konstant niedrigen Fertilitätsrate von 1,3, einer Lebenserwartung, die dem Trend der letzten Jahre folgend weiter ansteigt, sowie eines jährlichen Zuwanderungsplus von + 100.000 ausgeht. In Bezug auf die Fertilitätsrate, die seit langem beharrlich bei 1,3 verbleibt, erwartet man auch in den kommenden 10 Jahren keine Veränderung. Um die Anzahl der Erwerbspersonen von heute bis 2030 konstant zu halten ohne die Fertilitätsraten zu erhöhen, bedarf es in der Folge einer Zuwanderung von jährlich ca. 500.000 Personen (eine Erwerbsquote von 50 % bei ausländischen Mitbürgern zugrunde legend).
Aus den niedrigen Geburtenraten über 30 Jahre hinweg resultiert auch, dass die Bevölkerung immer älter wird. Während 2005 das Durchschnittsalter 41 Jahre war, wird es im Jahr 2030 auf 51 Jahre ansteigen. In Unternehmen liegt das Durchschnittsalter derzeit bei 43 Jahren, 2030 soll es 53 Jahre betragen. Gleichzeitig erhöht sich der Anteil derer, die über 60 Jahre alt sind. Derzeit sind 24,8 % der Bevölkerung älter als 60 Jahre, im Jahr 2020 werden es 29,5 % sein. Bis 2030 steigt die Anzahl der über 60-Jährigen auf 35,4 % der Gesamtbevölkerung. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Eine noch deutlichere Sprache spricht die Entwicklung der über 75-Jährigen: Heute sind 8,5 % der Bevölkerung über 75 Jahre alt. 2020 werden 10,7 % der Bevölkerung über 75 Jahre alt sein. Im Jahr 2030 wird sich der Anteil auf 11,9 % erhöhen. Demgegenüber verringert sich der Anteil der unter 20-Jährigen kontinuierlich. Von heute 20,1 % auf 17,3% im Jahr 2020 bis zu 16,9 % im Jahr 2030.
Eine Entwicklung, die weitreichende Folgen für Produkt-, Kapital-, Immobilien- und Dienstleistungsmärkte hat, jedoch auch auf die Finanz-, Bildungs-, Sozial- und Zuwanderungspolitik von Bund, Ländern und Kommunen. Darüber hinaus stellt sie den Arbeitsmarkt vor neue Herausforderungen.
Fakt ist – die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter.
Fakt ist – die Bevölkerung in Deutschland schrumpft.
Fakt ist – der Arbeitsmarkt schrumpft?
Im Rahmen der Debatte um den demografischen Wandel wird vor allem die Entwicklung zur älterwerdenden Bevölkerung und die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt in den Vordergrund gestellt. Dafür ist sicherlich die Vorhersehbarkeit dieser Entwicklung mitverantwortlich. Demgegenüber ist eine Vorhersage der Konsequenzen der Bevölkerungsreduktion auf den Arbeitsmarkt nur bedingt möglich. Die Einschätzung, der Arbeitsmarkt werde generell gesehen schrumpfen, greift aufgrund zahlreicher Faktoren, die darüber hinaus Einfluss nehmen können, zu kurz.
Denn sie lässt entscheidende Entwicklungen unberücksichtigt. Dazu gehört u.a. die steigende Frauenerwerbsquote. Es ist davon auszugehen, dass über alle Altersgruppen potenziell erwerbsfähiger Frauen hinweg (von 15 bis über 60 Jahren) bis zum Jahr 2020 mit einer deutlichen Ausweitung der Erwerbsbeteiligung zu rechnen ist und diese Quote in der Folge auf dem erreichten Niveau verbleibt. Ein Grund hierfür ist sicherlich in in den deutlich höheren Bildungsabschlüssen zu sehen, die Frauen heute erreichen und die dazu führen, dass sie auch im Falle einer Mutterschaft immer häufiger ihre Erwerbstätigkeit beibehalten. Hinzu kommen steigende Scheidungsraten, eine zunehmende Unsicherheit der Arbeitsplätze, sowie die Notwendigkeit der finanziellen Absicherung für das Alter, die viele Frauen ein Leben lang bzw. nur mit kurzen Unterbrechungen berufstätig sein lassen. Die klassische „Versorgerehe“ wird immer mehr zur Ausnahme in Bezug auf Familienstrukturen. Als Folge dieser steigenden Frauenerwerbsquote tritt ein Mangel an Arbeitskräften erst zeitverzögert ein.
Darüber hinaus findet das Verhältnis zwischen Arbeitsproduktivitätszuwächsen und Wachstumsrate kaum Berücksichtigung im Szenario des schrumpfenden Arbeitsmarktes. Das Volumen an bezahlter Arbeit wird sich weiterhin verringern, wenn die Wachstumsraten geringer ausfallen als die Arbeitsproduktivitätszuwächse. Dies war in den vergangenen 10 Jahren der Fall – so lag die durchschnittliche Wachstumsrate p.a. bei 1,5 %, während die Arbeitsproduktivität um 2,2 % p.a. zunahm.
Diese quantitative Betrachtung muss zwingend um die qualitative Sicht auf den Arbeitsmarkt ergänzt werden. So nimmt das Volumen an bezahlter Arbeit überproportional in den niedriger qualifizierten Sektoren ab. Dahingegen ist in höher qualifikatorischen Bereichen sogar das Potenzial für ein steigendes Volumen an bezahlter Arbeit gegeben. In der Folge ist eine Zweiteilung des Arbeitsmarktes in Bezug auf die Qualifikationsstrukturen zu erwarten. Es wird zu einem Überangebot an Arbeitnehmern mit geringem Qualifikationsniveau kommen, während die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften immer stärker zunimmt. Es ist davon auszugehen, dass der steigenden Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften ein demografiebedingtes sinkendes Angebot gegenüberstehen wird. Die Ursachen für die Entwicklung zum zwei-geteilten Arbeitsmarkt sind vielschichtig. In erster Linie ist es die zunehmende Bedeutung von Wissen als Wettbewerbsfaktor, die hier eine Rolle spielt. Prozesse, Strukturen und Systeme in Unternehmen werden immer wissensintensiver und komplexer, die Geschwindigkeit, mit der neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt gebracht werden, nimmt kontinuierlich zu. Unter diesen sich rasant wandelnden Bedingungen bedarf es Mitarbeitern, die über erfolgskritisches Wissen verfügen und darüber hinaus die Kernkompetenzen der Beschäftigungsfähigkeit mitbringen. Dazu gehört Fachwissen ebenso wie ein ganzes Bündel an überfachlichen Kompetenzen, wie beispielsweise Lernbereitschaft, Eigenverantwortung oder Kommunikationsfähigkeit. Zwischen diesen beschäftigungsfähigen Arbeitnehmern und denjenigen, denen es nicht gelingt, mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt Schritt zu halten, klafft die Schere der Beschäftigungschancen immer weiter auseinander.
Für den niedrig qualifizierten Sektor könnte die Ausweitung des Angebotes haushaltsnaher Dienstleistungen einen Weg zur Schaffung alternativer Arbeitsplätze bedeuten. Eine solche Ausweitung erscheint insbesondere vor dem Hintergrund der Zunahme der Haushalte, in denen beide Partner erwerbstätig sind, unabdingbar. Betreuungsleistungen für Kinder oder ältere Angehörige, Wasch- und Bügeldienste, sowie Haushaltshilfen sind nur einige der denkbaren Betätigungsfelder auch für geringer Qualifizierte. Diesem Szenario stehen jedoch derzeit noch zwei Aspekte entgegen: Zum einen sind dies steuer- und arbeitsrechtliche Vorschriften, die dazu führen, dass haushaltsnahe Dienstleistungen für viele Nachfrager nicht bezahlbar und für viele potenzielle Anbieter finanziell nicht attraktiv genug sind. Zum anderen entspricht das Outsourcing familien- und haushaltsbezogener Dienste derzeit noch nicht dem Selbstverständnis breiter Teile der Bevölkerung. Solange in diesen beiden Punkten keine Veränderung eintritt, ist sich nur in sehr eingeschränktem Umfang eine Kompensation der abnehmenden Arbeitsplätze im niedrig qualifizierten Bereich zu erwarten.
Bleibt nun die Frage, weshalb in der öffentlichen Diskussion zwar immer wieder ein Älterwerden und eine Schrumpfung des Arbeitsmarktes aufgegriffen werden, die Spaltung des Arbeitsmarktes jedoch weitgehend unthematisiert bleibt, ja fast tabuisiert wird. In diesem Zusammenhang gilt es, sich offen die Konsequenzen eines zweigeteilten Arbeitsmarktes vor Augen zu führen. Dies ist zum einen eine fortschreitende Verschärfung der Arbeitslosigkeit für die Gruppen der gering Qualifizierten – kein Thema, mit dem sich Politiker gerne an die Öffentlichkeit begeben. Zum anderen resultiert aus der immer größer werdenden Kluft zwischen den Gewinnern und Verlierern am Arbeitsmarkt auch unweigerlich eine Gefährdung des sozialen Friedens. Deshalb gilt es umso mehr, alle relevanten Entwicklungen in etwaige Zukunfts-Szenarien bezüglich des Arbeitsmarktes einzubeziehen und sich den Herausforderungen, die diese mit sich bringen, offen zu stellen.
Download: Der demografische Wandel - Konsequenzen und Herausforderungen
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Demografie in Rheinland-Pfalz und die möglichen Arbeitsmarkteffekte
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Demografie und Employability