Gesundheitsökonomische Gespräche am 08.Oktober 2010, 9:00 Uhr in der Aula der Fachhochschule
Thema: Priorisierung bei Gesundheitsleistungen
In der gesundheitspolitischen Diskussion über die Finanzierbarkeit der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden vornehmlich drei Ansatzpunkte diskutiert, wie die GKV finanziell „wetterfest“ gemacht werden kann: Erstens Steigerung der Effizienz des Mitteleinsatzes im Sinne von Rationalisierung. Zweitens Vermeidung von Leistungsausgaben durch Prävention. Drittens Verbreiterung des Finanzzuflusses durch Steuerzuschüsse oder erweiterte Zuzahlungen durch die Versicherten. Die Leistungsansprüche der Versicherten als vierter Anknüpfungspunkt wird demgegenüber - so weit als möglich – von der Diskussion ausgenommen. Selbst wenn nicht immer neue Sparpakete für die GKV geschnürt werden müssten, wäre das Ausblenden der Leistungsseite ökonomisch nicht sachgerecht. Eine effiziente Mittelverwendung setzt auch im Gesundheitsbereich die Priorisierung der verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten – hier der diagnostischen, therapeutischen und pflegerischen Maßnahmen – voraus. Andernfalls besteht die Gefahr, dass zu viel „unwichtige“ und zu wenig „wichtige“ Leistungen erbracht werden. Tritt Mittelknappheit hinzu, ist Priorisierung die Voraussetzung für eine gezielte, bei den als nachrangig eingestuften Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten ansetzende Leistungsbeschränkung. Priorisierung geht dann in Rationierung über. Allerdings kann Rationierung auch ohne explizite Priorisierung auftreten. Dies dürfte der Fall sein, wenn bei knappen Mitteln die Entscheidung darüber, welche Behandlungsmöglichkeiten für welche Patienten zur Verfügung stehen von der Gesundheitssystemebene an den einzelnen Leistungserbringer verlagert wird.
Die diesjährigen achten Gesundheitsökonomischen Gespräche bieten ein Forum, um sich mit dem vielschichtigen Thema Priorisierung bei Gesundheitsleistungen zu befassen. Der Eröffnungsvortrag legt die Sicht der Ärzteschaft dar und zeigt das Spannungsfeld, in dem sich Leistungserbringer bewegen, wenn die Gesundheitspolitik einerseits Einsparungen anordnet, andererseits aber keine ausdrückliche Rangfolge der zu bedienenden Indikationen, Patientengruppen oder Verfahren bildet. Dieses Spannungsverhältnis bedroht das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis und hat dazu geführt, dass die verfasste Ärzteschaft mit Nachdruck die Forderung nach einem öffentlichen Diskurs erhebt. Es schließt sich die ökonomische Perspektive an, die sich mit der effizienten Allokation knapper Ressourcen auf verschiedene Verwendungsmöglichkeiten im Gesundheitsbereich befasst. Mit dem dritten Vortrag wird die normative Ebene in den Blick genommen und nach den rechtlichen Regeln für den Umgang mit der Knappheit gefragt. Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass international bereits Erfahrungen mit der Priorisierung von Gesundheitsleistungen existieren. Den Abschluss des Vortragsprogramms bildet die ethische Sicht, die mit ihrer Bedeutung für das Arzt-Patienten-Verhältnis den Kreis zum Eröffnungsreferat schließt. Die Veranstaltung endet mit einer Podiumsdiskussion zwischen den Referenten und einer Vertreterin der Kostenträger.
Prof. Dr. Eveline Häusler/Dr. med. Elke Raum
Wissenschaftliche Leitung
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